London als Geisterstadt
Beitragsbild: eigene Zeichnung aus dem Juni 2025
“Lockwood & Co. – Die seufzende Wendeltreppe“ von Jonathan Stroud
Buchrezension von Isabelle Eichert
London ist schon lange der Schauplatz vieler mysteriöser literarischer Werke.
Dank ihrer nebligen Straßen, dunklen Gassen und alten Bauten ist das natürlich kein Wunder.
Auch der britische Autor Jonathan Stroud entschied sich für die englische Hauptstadt als Handlungsort für seine übernatürliche Thriller Jugendbuchreihe “Lockwood & Co.”.
Die “Lockwood & Co.”-Reihe spielt in einem von Geistern heimgesuchten London. Der erste Teil “Die seufzende Wendeltreppe” erschien 2014, die vier Folgeromane dann in den vier Folgejahren.
Für mich glänzen die Bücher im Aspekt Weltgestaltung – der Leser taucht in eine alternative Version Englands ein, in ein Universum, wo die Geister der Verstorbenen seit etwa 50 Jahren schon ihr Unwesen treiben.
Mich sprechen die Regeln der Welt an, und zudem, wie die Menschen mit der Geisterepidemie umgehen. Die ganze Gesellschaft hat sich so umstrukturiert, um die Todesfälle wegen Heimsuchungen zu minimieren. Sobald die Geister bei Einbruch der Finsternis erscheinen, gilt eine Ausgangssperre. Die Kinder und Jugendlichen, die als einzige die Geister tatsächlich wahrnehmen können, gehen nicht zur Schule, sondern arbeiten als Geisterjäger und verbringen ihre Nächte mit gefährlichen Missionen zum Allgemeinwohl. Sie arbeiten für verschiedene Geisterjägeragenturen, wo sie ausgebildet und von Erwachsenen betreut werden.
Ich mag vor allem, wie durchdacht die ganze Welt wirkt. Es gibt bekannte Agenturen und relevante Persönlichkeiten, es gibt Mythen und Gerüchte rund um die Geisterepidemie, es gibt Forscher, die der Ursache auf den Grund gehen wollen. Die Welt wirkt lebendig, so als hätten schon Menschen vor den Hauptfiguren in dieser gelebt und sie geformt.
Wo wir es schon von Hauptfiguren haben – diese muss ich ebenso loben wie die Weltgestaltung.
Am Anfang gibt es drei Hauptfiguren: Lucy Carlyle, die Erzählerin und ein Naturtalent der Geisterjagd, Anthony Lockwood, der Chef der Agentur “Lockwood & Co.” und Titelfigur, und George Cubbins, der Nachforschungen für Fälle vollbringt.
Alle drei sind natürlich Jugendliche, da Erwachsene eben keine Geister sehen können.
Sie bilden Londons kleinste und unbekannteste Agentur, und auch die unkonventionellste. Das Besondere ist, dass Lockwood und seine Freunde bei ihren Fällen völlig auf eine erwachsene Aufsicht verzichten. Das wird zwar nur ungern gesehen, sorgt aber auf Dauer für bessere Zusammenarbeit, da sich die drei zu einem eingespielten Team entwickeln.
Vor allem die Dynamik zwischen Lockwood und Lucy ist interessante. Sie sind Freunde und arbeiten zusammen, aber da ist noch so viel mehr Unausgesprochenes.
Beide sind dreidimensionale Figuren mit Stärken, Schwächen, Eigenarten und Makeln, die menschliche, manchmal unkluge, Entscheidungen treffen.
Man spürt als Leser schon bei ihrem ersten Treffen direkt eine gewisse Chemie.
Lucy kommt nach London, traumatisiert, ohne Geld, auf der Suche nach Arbeit und einer Unterkunft. Dort trifft sie Lockwood, den exzentrischen jungen Mann, der seine Fälle auf unkonventionelle Art löst.
Falls das jetzt auch nur irgendeinen Leser an Sir Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes”-Reihe erinnert, dann ist diese Assoziation vollkommen berechtigt! Die “Lockwood & Co.”-Reihe ist in einigen Aspekten stark von Doyles Büchern inspiriert.
Das merkt man besonders an Lockwoods Charakter, aber auch schon an der Grundidee: Zwei Figuren, die zusammen wohnen und beste Freunde sind, lösen in London mysteriöse Fälle. Selbst die fiktiven Adressen der jeweiligen Duos liegen im gleichen Stadtviertel (Marylebone)!
Lockwood und Lucy sind quasi Holmes und Watson, wenn sie Geister jagen würden und außerdem (explizit beabsichtigte) romantische Chemie hätten. Lucy bringt sich als Erzählerin und handelte Figur jedoch wesentlich mehr ein, als Watson es je tut, was das Verhältnis zwischen Lockwood und Lucy etwas ausgeglichener wirken lässt.
Auch die Atmosphäre ist in beiden Werken oft ähnlich, weshalb ich glaube, dass “Lockwood & Co.” vielleicht auch “Sherlock Holmes”-Fans gut gefallen könnte.
Im Gegensatz zu Doyle schafft Jonathan Stroud es jedoch, eine Buchreihe zu schreiben, bei der die Handlung zusammenhängend Sinn ergibt und keine Fehler auf jeder dritten Seite aufweist. Und das auch noch mit durchdachten Figuren!
Lockwood und Lucy haben jedenfalls eine ganz wundervolle und komplexe Dynamik, die sich im Laufe der fünf Romane toll entwickelt.
Die beiden werden im Laufe der Handlung auch zu einem erfolgreichen Team, was man am Anfang nicht unbedingt sagen kann. Um genau zu sein, sind die ersten Fälle, die sie zusammen erledigen, erfolglos. “Die Seufzende Wendeltreppe” fängt mit einem solchen Fall an. Als sie das Haus einer Klientin versehentlich in Flammen aufgehen lassen, muss die kleine Agentur einen hohen Schadensersatz bezahlen. Wie man sich vorstellen kann, haben drei Teenager nicht unbedingt Unmengen an Geld zur Hand. Nach dem Unfall wollen auch kaum Leute sie noch beauftragen. Die Rettung kommt in Form von John Fairfax, der ihnen eine mehr als nur angenehme Summe anbietet, um die Geister aus der berüchtigten Combe Carey Hall zu vertreiben. Diese Mission stellt sich jedoch als noch gefährlicher heraus, als die drei dachten.
Schon im ersten Buch ist die Spannung einfach nur grandios. Die Handlung bewegt sich an vielen Stellen angenehm schnell, was auch dafür sorgt, dass man das Buch kaum weglegen möchte. Ich las die ersten einhundert Seiten in einem Durchgang. Diese Qualität wird auch die weiteren vier Bände beibehalten. Meiner Meinung nach ist es vielleicht sogar der vierte oder fünfte Roman, der der Beste ist. Mit dem Fortschreiten der Handlung erfährt man auch immer mehr über die Regeln der Welt und kommt an der Seite der Figuren langsam dem Geheimnis hinter der Geisterepidemie auf den Grund.
Wie man aus der Rezension vielleicht raushört ist das meine Lieblingsbuchreihe. Ich mag diese Bücher sogar so gerne, dass ich mal auf einer Autorenlesung von Jonathan Stroud war und extra eine meiner Zeichnungen im Posterformat ausdrucken ließ, so dass er diese unterschreiben könnte.
Ich sage natürlich nicht, dass diese Reihe die beste jemals ist, oder dass jeder sie unbedingt lesen muss. Ich denke jedoch, dass einige junge Leser an dieser Reihe, die ich ab der fünften Klasse als angemessen bewerten würde, Freude finden könnten.
Seit Januar 2023 gibt es auch eine Netflix-Adaption der ersten beiden Bücher, die meiner Meinung nach zwar nicht so gut ist, wie die Bücher, aber dennoch durchaus gelungen. Leider wurde keine zweite Staffel in Auftrag gegeben.
