„Vor allen Dingen Mitmenschlichkeit üben“ – In Erinnerung an Erna de Vries

Zwei Tage nach ihrem 98. Geburtstag ist am Samstag, den 23.10.2021 die Holocaustüberlebende Erna de Vries gestorben. Zum Gedenken an diese bemerkenswerte Frau veröffentlich die Perspektive noch einmal das Interview von Selina Wolf und Niklas Höhn aus dem Jahr 2014.

Am 4. Dezember 2014 besuchten wir, Selina Wolf und Niklas Höhn, als damalige Neuntklässler, den Vortrag von Erna de Vries, einer aus Kaiserslautern stammenden Überlebendenden des Konzentrationslager Auschwitz. Es herrschte ergriffenes Schweigen im Hörsaal der TU Kaiserslautern, als die fast 90jährige Dame, an deren Unterarm man noch deutlich die Häftlingsnummer aus dem Vernichtungslager erkennen konnte, ihre ergreifende Lebensgeschichte vor mehreren hunderten Zuschauern vortrug. Nach der Veranstaltung hatten wir die Möglichkeit, mit Frau de Vries selbst kurz zu sprechen. Wir waren ihr sehr dankbar, dass sie uns nach dem Vortrag spontan zusagte, uns einige Fragen schriftlich zu beantworten. Am 14.01.2015 schickte sie uns die Antworten zurück:

Frage: Wann bemerkten Sie das erste Mal, dass sie urplötzlich „anders“ sein sollten?

Erna de Vries: Als Kind schon wurde ich beim Spielen ausgegrenzt. Bei kleinen Differenzen hieß es gleich: „Du bist ein Jude, wir spielen nicht mehr mit Dir.“ Das hat mich immer sehr verletzt.

Frage: Wie hat man ihnen das erklärt?

Erna de Vries: Man hat mir nichts erklärt, ich nahm alles hin.

Frage: Wie sah der Schulalltag in der jüdischen „Sonderklasse“ aus?

Erna de Vries: Das war natürlich nicht leicht für den Lehrer. Wenn zum Beispiel eine Klasse einen Aufsatz schreiben sollte, mussten die anderen Schüler sich ruhig verhalten und bekamen vielleicht eine Rechenaufgabe.

Frage: Gab es Freundinnen, die zu ihnen hielten?

Erna de Vries: Freundinnen gab es, aber sie sprangen alle ab, weil die Eltern wohl befürchteten, dass man Nachteile haben könnte, wenn man Umgang mit Juden hatte.

Frage: Haben sie schon einmal das Gespräch mit „Tätern“ oder „Mitläufern“ gesucht?

Erna de Vries: Täter oder Mitläufer habe ich noch nicht getroffen, habe aber auch kein Gespräch gesucht.

Frage: Mussten Sie sich überwinden, nach Kaiserslautern zurückzukehren?

Erna de Vries: Das erste Mal nach Kaiserslautern zu kommen, fiel mir nicht schwer. Ich hatte dort einiges zu erledigen und war in Begleitung meines Mannes und meiner Kinder.

Frage: In welcher Verbindung stehen Sie heute noch zu Kaiserslautern?

Erna de Vries: Ich habe in Kaiserslautern noch einige Schulkameradinnen und einige liebe Bekannte, die ich nach dem Krieg dort kennen lernte. Mein Verhältnis ist nach dem Erleben dort distanziert.

Frage: Stehen Sie heute noch in Kontakt zu Leuten, die auch Konzentrationslager überlebt hatten?

Erna de Vries: Bis vor drei Jahren stand ich noch mit zwei Schwestern in Verbindung. Sie lebten in Israel. Wir waren zusammen auf dem Todesmarsch und wurden zusammen von den Amerikanern befreit. Beide starben vor einigen Jahren.

Frage: Gab es Leute, die Ihnen damals im Lager Mut und Kraft gegeben haben, immer durchzuhalten?

Erna de Vries: Ich traf in Ravensbrück eine Frau, die ich aus Auschwitz kannte. Sie war keine Jüdin, sondern Pragerin. Sie hatte Beziehungen zur Küche und Kleiderkammer. Libusé Ingrova gab mir jede Woche eine Ration Brot. Brot bedeutete im Lager Leben. Durch ihre Mitmenschlichkeit gab sie mir meinen Lebensmut zurück. Es gab also auch im Lager Menschen, die nicht nur an sich selber dachten.

Frage: Wie fühlte sich die Nachkriegszeit für Sie an?

Erna de Vries: Die Nachkriegszeit war erst schwer. Wir besaßen nichts. Erst war ich in Mecklenburg, wo wir befreit wurden, bei einer Bauernfamilie. Ich fand dann die Schwester meiner Mutter wieder, wo ich bis zu meiner Heirat 1947 blieb.

Frage: Gab es Personen, die sich für ihr damaliges Verhalten bei Ihnen entschuldigt haben?

Erna de Vries: Bei mir hat sich niemand entschuldigt. Die meisten sagen, dass sie nichts von alldem gewusst hätten.

Frage: Warum machen Sie sich heute noch Gedanken über einen wiederholten Ausbruch des Nationalsozialismus?

Erna de Vries: Ich habe als Kind den Nationalsozialismus heranwachsen sehen. Ich fühlte, dass es etwas Schlimmes war. Vielleicht kennt ihr das Buch „Die Welle“. Darin wird beschrieben, wie verführbar Menschen unter bestimmten Umständen sind. Man hält es also nicht für unmöglich.

Am Ende des Vortrags hatte eine Studentin folgendes gefragt: „Was können wir tun, damit sich so etwas nie mehr wiederholt?“ Frau de Vries entgegnete ihr: „Ja dass jeder vor allen Dingen Mitmenschlichkeit üben soll, dass so etwas nicht mehr geschieht. Jeder sollte gegen Unrecht angehen, wenn er kann, aber nicht nur einer alleine, sondern mehrere zusammen sollten gegen unrecht angehen. Ich meine, man hat ja gesehen, was mit dieser jungen Frau jetzt passiert ist. Dass man gegen Unrecht angeht – da kann etwas ganz Übles passieren, wenn man nicht die Kraft hat – wirklich dagegen anzugehen.“

Vor dem Hintergrund der antisemitischen Ausschreitungen in ganz Europa, die im Moment wieder vermehrt auftreten, möchten wir deshalb an diesem Tag besonders daran erinnern, dass wir gemeinsam alles dafür tun müssen, dass ein solcher Rassenhass, blinde Gewalt und unbeschreibliches Leid keinem Menschen mehr widerfährt.

Selina Wolf und Niklas Höhn, MSS 11 und 12,