ArtikelBurgArtGruselgeschichtenwettbewerb

Erntezeit

Schrecken machte sich auf ihrem Gesicht breit, erst langsam, dann mehr und mehr verzerrte sich ihr Gesicht zu einer Maske purer Angst. Unwillkürlich schielte sie zu ihm herüber und stellte fest, dass es ihm genauso ging. Nun wurde sie panisch, konnte sich aber kaum rühren: Sie war wie zur Salzsäule erstarrt. Behutsam kam er näher und sie sahen sich erneut gemeinsam um.
Leichen. Überall. Leichen.
Sie hatten noch nie einen toten Menschen gesehen, aber dass hier übertraf alles, was sie sich auch nur hatten vorstellen können. Ein Mann, der rechts von ihr lag, erregte ihr besonderes Interesse, sie schämte sich dafür. Sein Oberkörper war aufgerissen, die Eingeweide lag links neben ihm. Großflächig verteilt und seltsam verdreht, man konnte kaum noch erkennen, dass es einmal mehr gewesen war, als blutige Masse. Aber der Mann würde sie wohl nicht mehr brauchen. Das schlimmste waren seine Augen, gleich über seinem zum Todesschrei geformten Mund. Sie waren halb ausgetrocknet und hatten bereits angefangen zu verfaulen. Tief eingesunken, von Mücken umflogen, die sich daran gütlich taten, und mit erschreckendem Farbton waren die Augen ein verstörender Anblick. Mit der rechten Hand umklammerte er die Hand seiner Frau. Der Ehering hob sich blinkend aus dem Blutmeer ab, das sie umgab. Die Totenstarre hatte ihre Hände für immer verbunden.
Die beiden Geschwister liefen weiter und bahnten sich ihren Weg über die leblosen Körper. Ihr Ziel war ein Mann, zumindest nahmen sie dies an, der still inmitten des Massakers stand. Selbst als sie ihn erreicht hatten konnten sie nur seine Schemen ausmachen. Was sie umso deutlicher sahen, war eine gigantische Sense in seinen Händen. Verstört, kaum noch Herr seiner Sinne, fragte der Junge, was denn hier zu mähen wäre. Der Mann antwortete nur: „Hier sind meine Felder.“

Daniel Schröder, Klasse 10a