Was war eigentlich… die „Dreyfus-Affäre“?

Beitragsbild: Entnommen aus pixabay.com

In Franz Kafkas „Der Process“ wird der unschuldige Protagonist Josef K. eines Morgens verhaftet und am Ende getötet. Unschuldig verurteilt und bestraft werden, ist wohl ein Alptraum für jeden von uns. Genau solch ein Szenario greift Roman Polanski in seinem Film „Intrige“ (französischer Originaltitel „J’accuse“) an einem historischen Ereignis auf. Es handelt sich um die sogenannte „Dreyfus-Affäre“. 

Für alle, die bereits mit der Dreyfus-Affäre bekannt sind, findet sich die Filmkritik unter diesem Link. 

Für alle, die von der Dreyfus-Affäre noch nichts gehört haben, macht das nichts: In diesem Beitrag folgt nochmal eine ausführliche Zusammenfassung der Ereignisse.

Am 22. Dezember 1894 wurde der französische Offizier Alfred Dreyfus vom Militärgericht wegen Landesverrat verurteilt.  Dreyfus wurde auf die Teufelsinsel, eine damalige französische Strafkolonie vor der Küste von Französisch-Guayana in Südamerika, verbannt. Damit begann einer der größten Justizskandale der jüngeren Geschichte. Dieser Vorfall hat sogar Auswirkungen auf die spätere Geschichte und geistert noch heute im kollektiven Gedächtnis der Franzosen herum.

Vor dem Prozess wurde im September 1894 vom französischen Geheimdienst eine Nachricht der deutschen Botschaft abgefangen. Diese wurde als das sogenannte Begleitschreiben („Le Bordereau“) populär. Diese Nachricht enthielt wichtige Geheiminformationen über die französische Arme. Der pikanteste Inhalt war eine Aufzeichnung von einem neuen Geschütz. Das Militär kam zum Schluss, dass es nur ein Artillerieoffizier, nämlich einer der Absolventen der „École supérieure de guerre“ (Pariser Militärhochschule) gewesen sein konnte, der diese Information hätte weiterleiten können. Alfred Dreyfus war somit ein „passender“ Schuldiger. Denn, abgesehen von seinem Abschluss, war er Elsässer, sprach deutsch und obendrein war er Jude. Nach damaligen Ansichten, die vom Antisemitismus stark geprägt waren, war dies das passende Profil für einen Verräter. 

Am 19.12.1894 begann der Kriegsgerichtsprozess gegen Dreyfus. Eigentlich war die Beweislage für Dreyfus‘ Schuld sehr dürftig. Aber da zur damaligen Zeit in Europa eine weitverbreitete antisemitische Grundeinstellung herrschte, wollte die Obrigkeit der Armee und auch Teile des Volkes einen Verbrecher jüdischen Glaubens. Denn schon vor dem Prozess sahen nationalistische und antisemitische Zeitungen Dreyfus als Schuldigen. Beispielsweise schrieb die Zeitung „Le Libre Parole“, dass Dreyfus nur mit der Absicht der Armee beigetreten sei, Verrat zu begehen. Als Jude und Deutscher hasse er die Franzosen. Und die katholische Tageszeitung „La Croix“ beschimpfte in einer Ausgabe ihrer Zeitung die jüdische Glaubensgemeinschaft schwer. Damit es einen jüdischen Schuldigen gibt, wurden Gesetze des Gerichts gebrochen und Beweise gefälscht. Außerdem kam ein fragwürdiges Gutachten von Sachverständigen zu dem Urteil, dass Dreyfus seine Handschrift geändert hatte und somit zweifelsfrei der Verfasser des abgefangenen Schreibens sei. Drei Tage nach Beginn des Prozesses wird Dreyfus zu militärischer Degradierung, Deportation und lebenslanger Haft auf der Teufelsinsel verurteilt. Es ist die damals höchstmögliche Strafe für Landesverrat.

Sein Bruder Mathieu Dreyfus versuchte alles, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dazu wandte sich dieser an Intellektuelle und an den französischen Senat. Bald darauf wurden erste Zweifel am Urteil geäußert und Verfahrensfehler der Öffentlichkeit bekannt. Um diese Stimmen zum Schweigen zu bringen und das Urteil zu untermauern, fälschte die Arme weitere Beweise. Zur gleichen Zeit wurde der Offizier Marie-Georges Picquart Leiter des Nachrichtendienstes im Deuxième Bureau. Picquart, der selbst als Beobachter beim Prozess von Dreyfus anwesend war, fand Anfang März 1896 einen Brief. Dieser Brief, welcher als „Le petit bleu“ bezeichnet wird, enthüllte die wahre Identität des Verräters. Dabei handelte es sich um Ferdinand Walsin-Esterházy, welcher wegen Spielschulden Informationen an die Deutschen lieferte. Piquart legte befehlsmäßig seine Entdeckung seinen Vorgesetzten vor. Aber diese versuchten weiterhin, die Wahrheit zu vertuschen und schickten Picquart auf eine Inspektionsreise nach Tunesien. In einem Scheinprozess wurde Esterházy freigesprochen, um Alfred Dreyfus weiterhin als Schuldigen und jüdischen Verschwörer zu brandmarken. Kurz nachdem Picquart zurückkehrte, wurde dieser verurteilt und inhaftiert.

Am 13. Januar wendete sich das Blatt für Dreyfus. Denn an diesem Tag veröffentlichte die Zeitung „L’Aurore“ ihre wohl bis heute bekannteste Ausgabe. Auf der Titelseite war ein offener Brief vom damals populären Schriftsteller Émile Zola mit dem Titel „J’accuse…!“ (deutsch: „Ich klage an!“), welcher an den Staatspräsidenten gerichtet war. Darin wirft Zola der Obrigkeit des Militärs vor, Drahtzieher eines Komplottes zu sein. Des Weiteren warf er der „Schmutzpresse“ antisemitische Propaganda vor und beschuldigte Esterházy als den wahren Landesverräter.  Zola ging so weit, dass er das erste Kriegsgericht beschuldigte, „das Recht verletzt zu haben, indem es einen Angeklagten auf der Grundlage eines geheim gebliebenen Beweisstücks verurteilt hat, und ich klage das zweite Kriegsgericht an, diese Gesetzwidrigkeit auf Befehl gedeckt und dabei seinerseits das Rechtsverbrechen begangen zu haben, wissentlich einen Schuldigen freizusprechen.“

Die wohl berühmteste Ausgabe der „L’Aurore“ (Bildquelle: Wikimedia Commons, gemeinfreie Verwendung)

Dies führte dazu, dass man Zola wegen Falschaussage angeklagte. Marie-Georges Picquart hatte man als Zeuge für Zolas Enthüllungen vor Gericht vorgeladen und befragt. Doch die Armee ließ erneut Bewiese fälschen. Hubert-Joseph Henry, der unter Picquart beim Nachrichtendienst diente hat, enthüllte dem Gericht einen geheimen abgefangenen Brief der italienischen an die deutsche Botschaft in Paris. Dieser Brief sollte laut Henry eindeutig Alfred Dreyfus als Schuldigen identifizieren. Daraufhin wurde Zola zu einer Geldstrafe und zur Haft verurteilt. Doch er hatte sein Ziel damit erreicht. Die französische Gesellschaft wurde in zwei Lager geteilt.  Auf der einen Seite die „Dreyfusarden“, welche an die Unschuld des Verurteilten glaubten und sich für diesen auch einsetzten. Auf der anderen Seite die rechtsextremen „Antidreyfusarden“, die Dreyfus für schuldig hielten und teilweise sogar eine jüdische Verschwörung vermuteten. Des Weiteren gestand Hubert-Joseph Henry, Beweise gefälscht zu haben und beging kurz darauf Suizid. In der bereits gespaltenen Gesellschaft kam es zu größeren Unruhen. Diese Unruhen führten am 8.8.1899 zum erneuten Prozess, für den Alfred Dreyfus wieder nach Frankreich gebracht wurde. Zwar wurde Dreyfus bei diesem Prozess erneut als schuldig befunden, doch man begnadigte ihn kurz darauf. Somit war er offiziell immer noch schuldig, musste aber nicht wieder ins Gefängnis. Erst 1908 wurde Dreyfus endgültig von jeder Schuld freigesprochen.

Max Opel, MSS 12

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