Ahnungslos

Vor mir liegt eine einsame Straße, der Asphalt ist bröckelig und ein kalter Wind fährt durch mein Haar. Die Bäume, die vereinzelt den Straßenrand säumen, sind kahl, ihr Laub liegt auf dem Weg, unberührt. Keine Menschenseele scheint sich dafür zu interessieren, genauso wie für diesen Ort. Ich sehe Häuser, verlassene Häuser, die Türen offen oder teilweise gar nicht mehr vorhanden und Fenster, durch die die kahlen Äste bis in die Zimmer hineinragen. Was ist das für eine Gegend? Wo um alles in der Welt bin ich hier?

Ich sehe um mich, blicke in alle Richtungen, gehe ein Stück die Straße entlang, doch vergeblich, nichts weckt eine Erinnerung. Mein Kopf ist wie leergefegt und ich weiß rein gar nichts mehr… Nichts! So drastisch es klingt, so beängstigend ist es auch. Unwissend, wo ich bin, weshalb ich in diesem „wo“ bin und wie ich hierherkam stelle ich fest, dass ich nicht einmal mehr weiß, wer ich überhaupt bin… Eine Flut von Fragen überkommt mich: bin ich alleine?, ist noch jemand hier?, wie komme ich hier weg?, kann ich weg?, bin ich freiwillig hier?, was mache ich jetzt? und auf keine weiß ich eine Antwort. Frage für Frage wird mir die Aussichtslosigkeit meiner Situation immer bewusster und ich fühle mich plötzlich so alleine, wie nie zuvor. Oder auch nicht? Wer weiß das schon!? In der Hoffnung etwas zu finden, das mich weiter bringt, durchsuche ich meine Taschen finde jedoch nichts außer einem Taschentuch. Nichts zu finden wäre mir wahrscheinlich lieber gewesen, denn das Taschentuch ist voll mit Blut. Klar, da hatte ich wohl mal Nasenbluten, kann ja sein, das mir das öfter passiert… doch mit Schreckem stelle ich nun fest, dass es bei weitem nicht das Einzige an mir ist, das rot von Blut ist. Während meine Hose nur vereinzelte Flecken aufweist, ist mein Pullover, der zuvor weiß gewesen zu sein scheint, beinahe blutgetränkt. Panik überkommt mich, das Blut ist noch nicht vollständig getrocknet und ich habe nicht das Gefühl, auch nur im geringsten verletzt zu sein, nichts, das diese Mengen erklären würde! Ich merke, wie meine Atmung unregelmäßig und immer schneller wird, ich das Gefühl habe keine Luft mehr zu kriegen, als würde mir mit viel Kraft der Brustkorb zugedrückt werden. Ich lege mich hin, damit ich vor lauter Schwindelgefühl nicht umkippe. Den Blick gen Himmel gerichtet schaffe ich es ruhiger zu werden, nicht viel, aber ausreichend, um nicht völlig durchzudrehen.

Was ist geschehen? Was habe ich getan? Wieso und wo habe ich das getan? Ich muss helfen! Genau, ich muss der Person helfen, die ich verletzt habe! War es überhaupt eine Person? Es kann ja auch ein Tier gewesen sein! Wie lange bin ich schon hier?
Die Gedanken in meinem Kopf überschlagen sich, klar zu denken ist mir unmöglich. Eine Frage, Befürchtung oder Idee jagt die andere und ich habe das Gefühl, mein Schädel platzt jeden Moment. Am liebsten würde ich einfach wegrennen, der Situation entfliehen! In mein altes Leben zurück? Aber egal wohin ich gehe oder renne, die Gedanken bleiben und es gibt keine Garantie, dass sich meine Situation auch nur ein Stück weit ändert. Vielleicht bin ich ja ein positiver Mensch, voller Hoffnung. Doch jetzt sicher nicht, ich stehe mental am Abgrund. Will ich wissen, wer ich bin? Es dreht sich noch immer alles, einen Entschluss zu fassen ist einfach nicht möglich. Ich bin gefangen in meinen Gedanken und kann ihnen nicht entkommen. Wieso erinnere ich mich an nichts? Bin ich ein guter Mensch? Bin ich es wert, gerettet zu werden? Ist dies meine Strafe für was ich tat, was auch immer das sein mag?
Am liebsten würd ich jetzt ganz laut schreien, einfach dem Frust und der Angst Luft machen! Wieso eigentlich nicht? Hier ist eh keiner. Und wenn, was kann schlimmstenfalls passieren?
Bevor ich mir weitere Gedanken über mögliche Konsequenzen machen, lasse ich alles raus, naja zumindest im übertragenen Sinne… Bedrückt fühle ich mich noch immer, auch das mulmige Gefühl und die mir so schrecklich bewusste absolute Ahnungslosigkeit sind noch da, trotzdem fühle ich mich ein ganz klein wenig besser. Vielleicht hat mich ja jemand gehört…
Ich richte mich wieder auf und betrachte erneut das Taschentuch, als wäre es ein Bann, kann ich die Augen nicht von ihm abwenden und spüre, wie ich den Tränen nahe bin. Noch bevor die erste Träne ganz über meine Wange gerollt ist, fällt mein Blick auf meine linke Hand, auf meinem Zeigefinger steht eine Zahl! 34. Was bedeutet das? Mein Alter? Wohl eher nicht. Mit Entsetzen wir mir klar, dass ich nicht einmal weiß, wie alt ich bin, nicht einmal annähernd! Aber wieso sollte ich mir das notieren? Viel sinnvoller wäre ein Hinweis, etwas, das mich weiterbringt… Wusste ich, dass ich mich an nichts mehr erinnern werde? Wollte ich, dass ich alles vergesse? Ein Hinweis also, etwas wie… wie… ja, das muss es sein und wenn, ich hab nichts zu verlieren, dann habe ich es wenigstens ausgeschlossen! Im Wirrwarr meines Kopfes kam mir die Idee nach der Hausnummer 34 zu suchen. Das Haus rechts von mir trägt die Nummer 40, ich gehe also die Straße zurück, bis ich vor einem beigenem Haus stehen bleibe. Es ist genauso wie alle anderen Häuser, nur noch ein Schatten seiner selbst und doch kann es so viel mehr für mich sein. Unsicher, ob ich eintreten soll bleibe ich zunächst davor stehen. Ist die Unwissenheit vielleicht mein Schutz? Was werde ich dort sehen? Was wenn das alles für immer verändert? Wobei, verzwickter als jetzt kann die Lage nicht mehr werden… Oder? Ich trete also ein. Die Holzdielen ächzen, als wäre schon lange niemand mehr hier gewesen. Ein schlechtes Zeichen… Ich sehe eine Treppe, die nach oben führt und zwei Türen, auf meiner Etage. Ich entscheide mich für eine der Türen. Als ich ihr näher stelle ich fest, dass auf der Klinke Blut ist, wie auch auf mir…! Bereits entschlossen, was auch komme, das Haus zu betreten, zögere ich diesmal nicht lange die Tür zu öffnen, auch wenn sich dabei alles in mir verkrampft. Die Tür quietscht und lässt sich nur mühsam öffnen. Als ich den Raum betrete blicke ich in einen Spiegel. So sehe ich also aus!
Dieser Moment der Erkenntnis ist jedoch nicht von Dauer. Keine drei Meter hinter mir erkenne ich im Spiegelbild eine Person an die Wand gelehnt. Ich drehe mich ruckartig um und eile auf diese Person zu. Ihr Kopf ist nach unten gerichtet, jedoch sehe ich, dass sie ebenfalls blutverschmiert ist. Den ersten Schock überstanden versuche ich ihren Puls zu fühlen, jedoch erfolglos. Sie ist tot! TOT!!! War ich das etwa? Kannte ich diese Person?
Ich hebe vorsichtig den Kopf an. Die Augen noch offen, starren sie mich leer und kalt an. Überfüllt von Schuldgefühl schließe ich sie, das Mindeste, was ich tun kann, als mir ein Name durch den Kopf schießt. Marie! Sie hieß Marie! Und noch mehr, sie war meine Zwillingsschwester! Mit einem Schlag wird mir alles klar! Ich war es! Ich wollte es aber nicht! Es war ein Unfall!
Es fühlt sich an, als würde mein Herz in tausend Stücke zerspringen!!! Ich halte es in diesem Raum nicht aus! Tränenüberströmt stürme ich aus dem Haus. Auf der Straße breche ich zusammen und kann nicht weiter. Ich will nicht weiter. Auf einmal ist mein Kopf still, keine Fragen mehr, nur noch Trauer. Trauer, die mein Herz besetzt, es unfassbar schwer macht und mir das Gefühl gibt nicht mehr zu können. Nichts mehr! Mir wird schwarz vor Augen…

Ich wache auf, sehe eine bröckelige Straße vor mir, eine Träne läuft über meine Wange. Ich richte mich auf und bemerke ein Taschentuch in meiner Hand. Wo bin ich? Was ist passiert? Ich weiß es nicht! Ahnungslos und völlig überfordert stehe ich hier mitten im Nirgendwo und weiß nicht einmal, wer ich bin.

Elisabeth Damm, MSS 11

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