Türen

Das laute Ringen meines Weckers riss mich aus dem Schlaf. Ich wusste sofort das etwas nicht stimmte, denn anstatt wie jeden anderen Morgen lag ich nicht in meinem Bett, zumindest nicht mehr. Ich war mir sicher, dass ich mich gestern Abend noch in meine schwarze, flauschige Wolldecke gekuschelt hatte, doch nun lag ich auf kaltem Boden, hart und unbequem, vermutlich Beton, so wie ich das auf die schnelle beurteilen konnte.
Wie ich hierher gekommen war, war mir ein Rätsel, ich war bekannt für meinen leichten Schlaf, niemand hätte mich unbemerkter Weise hierher bringen können. Zudem hatte ja mein Wecker geklingelt, was heißen musste, dass sich mein Handy auch irgendwo hier befand. Langsam stand ich auf, blickte mich um in diesem spärlich beleuchteten Raum in welchem ich nun gefangen war.

Von der Decke hingen Spinnweben und es roch muffig und feucht. Flecken aller Art befanden sich an Wänden und Boden, schwarze rußige Flecken,die mich an Kohle erinnerten, nasse graue Flecken,vermutlich Wasser und irgendein rötliches Braun, ein sehr großer Fleck auf dem Boden und mehrere kleine Spritzer an den Wänden, die ich nicht wirklich zuordnen konnte. Oder vielmehr nicht zuordnen wollte ,da ich nur eine Flüssigkeit kannte die diese Art von Braun annahm,sobald sie trocknete.
Es lief mir kalt den Rücken runter und ich wandte den Blick schnell von diesen Flecken ab wobei mir endlich das offensichtlichste an diesem Raum ins Auge fiel. Dort waren zwei Türen, am anderen Ende des Raums, ansonsten befand sich nichts darin, keine Möbel, keine Lampe an der Decken und ganz sicher nicht mein Handy, welches ich irgendwo in der Nähe vermutete.
Schnell war mir klar,dass ich mich wohl für eine Tür entscheiden musste,also ging ich langsam näher heran, um mir ein besseres Bild von den beiden machen zu können. Meine Schritte hallten durch den Raum ,was mir die angespannte Stille, die vorher geherrscht hatte, nur noch deutlicher vor Augen führte.
Die erste Tür war eine gewöhnliche Haustür, in grauer Farbe angestrichen, welche aber schon langsam abblätterte, wodurch das dunkle Holz darunter zum Vorschein kam. Alles in Allem nicht die Art von Tür, die ich in einem solchen Raum erwarten würde. Die andere dagegen passte genau ins Bild. Sie war schwarz angestrichen und ein rotes X war genau mittig daraufgepinselt worden. Ich streckte meine Hand nach dem X aus und als ich die Tür berührte, stellte ich fest, dass sie kalt war ,eine Metalltür. Erst einige Sekunden später bemerkte ich den grünlichen Nebel der aus dem Schlüsselloch quoll und sich durch den schmalen Spalt unter der Tür hindurch zwängte.
Das war mir nicht geheuer, ganz und gar nicht,also beschloss ich mir erstmal anzuse- hen was hinter der grauen Haustüre verborgen lag. Sie war einladend ,zumindest im Vergleich zu dem schwarzen Ungetüm rechts von ihr. Irgendetwas in mir sagte mir zwar,dass der scheinbar einfache Weg nie der richtige war, aber das ignorierte ich geflissentlich und griff nach der Klinke.
Die Tür öffnete sich mit einem Knarren und ich stand verstand nicht, wo ich nun schon wieder gelandet war. Das war absolut nicht möglich, in der Realität nicht mal umsetzbar, aber dennoch stand ich in der Mitte eines dunklen Waldes. Da war kein Haus aus welchem ich herausgekommen sein könnte und sobald die Türe hinter mir zugefallen war, war sie auch schon verschwunden.

Ich hatte keine Ahnung was ich nun tun sollte, aber es war kalt, sogar kälter als auf dem Beton liegend. Ich begann unkontrolliert zu zittern und sah meinen Atem vor Augen. Die Geräusche des Waldes, welche ich seit meiner Kindheit kannte, ich hörte sie beinahe täglich, waren nicht mehr so schön und beruhigend in pechschwarzer Dunkelheit. Jedes Raschen signal- isierte mir GEFAHR, jedes Knacken ließ mich zusammenzucken. Irgendwo in der Ferne hörte man ein Heulen. Vielleicht ein großer Hund, oder sogar ein Wolf?!? Ich wusste nicht ,was ich tun soll, also lief ich einfach los.

Ohne Ziel und mitten in der Nacht in einem dunklen Wald, werdet ihr jetzt fragen… Naja was sollte ich sonst tun? Wenn ihr eine bessere Idee gehabt hättet, lasst es mich wissen. Versucht mal klar zu denken, wenn ihr in Panik seit, gar nicht so leicht, glaubt mir ruhig!

Das Adrenalin in meinen Adern ließ mich laufen und laufen, ich konnte meinen Herz- schlag in meinen Ohren pulsieren hören. Erst konnte ich nicht genau sagen wieso, aber ich begann schneller zu werden. Langsam beschlich mich das Gefühl, beobachtet zu werden, ich blickte mich alle paar Sekunden um, doch Nebel, der aus der sumpfigen Umgebung aufstieg, versperrte mir die Sicht. Nebel und Dunkelheit, keine sehr beruhigende Kombi, um ehrlich zu sein. Ich rannte ohne zu wissen, wohin meine Füße mich trugen, und genau das wurde mir dann auch zum Verhängnis. Ich spürte wie der Boden unter meinem rechten Fuß nachgab,jedoch war ich zu schnell um rechtzeitig zu stoppen. Ich trat in einen Sumpf, stolperte und fiel kopfüber in die matschige Brühe. Die eisige Kälte rann mir in die Klamotten und beschwerte diese, nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, es fühlte sich an, als ob ich hinabgezogen würde. Beinahe konnte ich spüren, wie eine Hand meine Knöchel umfasste und mich hinabzog, Stück für Stück, bis ich bis zum Kinn im Matsch steckte. Das alles geschah so schnell, viel zu schnell, um zu reagieren, obwohl ich bezweifelte, dass mir dies auch mit genug Zeit gelungen wäre. Der Schock hatte mich gelähmt, diese ganze Situation kam mir irreal vor, ich meine, sowas passiert doch sonst nur Menschen in irgendwelchen schlechten Filmen. Naja, das denkt man wohl immer, bis man selbst wortwörtlich bis zum Kinn in der Scheiße steckte.

Ich zappelte und strampelte, doch ich er-reichte nichts, außer noch tiefer in den Matsch hineinzurutschen. Als mir durch den Kopf schoss, dass ich eventuell nicht allein an diesem schrecklichen Ort war kam mir endlich, endlich der Gedanke, um Hilfe zu rufen. Ich öffnete meinen Mund, doch da wurde mir bewusst, dass mir die Zeit längst davon gelaufen war.

Kalter Schlamm floss mir in die Kehle, sobald ich den Mund öffnete, und so konnte ich nicht mal mehr um Hilfe bitten, als ich langsam ganz versank. Ich nahm einen letzten Atemzug durch die Nase, schloss die Augen und spürte die Kälte um mich herum. Ich widerstand dem Drang einzuatmen solange es ging, aber Reflexe lassen sich nun- mal nicht abschalten, also spürten ich wie sich meine Lungen mit Schlamm füllten, wie mein ganzer Körper nach Luft schrie, die ich nie mehr erreichen würde und langsam verschwamm mein Bewusstsein, der letzte klare Gedanke, den ich fassen konnte, war das dies dann wohl das Ende war… und dann wurde alles um mich herumschwarz. Ich fiel.

Ich prallte auf dem Boden auf. Ein plötzlicher Schmerz durchzuckte mich, meine Kleidung war nass und triefte noch immer. Ich war gefallen, aber von wo? Ich fand mich in eben dem selben Raum wieder in welchem ich schon einmal erwacht war. Wieder hat- te mich der Raum komplett verwirrt und planlos aufgenommen. Oder entführt?Ob ich je eine Antwort auf all die Fragen bekommen würde, die mir durch den Kopf schos- sen?
Nun da musste ich mich wohl noch ein wenig gedulden.Erstmal ruhig bleiben und sehen, was mir fehlt. Dafür, dass ich gerade eben noch an Ersticken gestorben war, ging es mir doch schonmal ganz passabel. Ich runzelte die Stirn, denn das alles ergab für mich keinen Sinn.
Also beschloss ich logisch an die ganze Sache heranzugehen,da ich das erste Mal mit meiner Impulsivität gegen die Wand gerannt war.
1. Ich war in einem Raum aufgewacht von dem ich nicht wusste wie ich hineingekommen war.
2. Mein Handywecker war, wodurch ich aufgewacht bin,jedoch hatte ich dieses nirgends entdecken können.
3. Ich war durch eine Tür gegangen,die in einem offenen Wald geendet hatte und sich plötzlich in Luft aufgelöst hatte,sobald ich hindurch getreten war.
4. Jemand hatte mich in diesem Wald verfolgt, jemand den ich jedoch nie gesehen hatte, was darauf hindeuten könnte das dieses Detail meiner Paranoia entsprungen war.
5. Ich war in einem Sumpf untergegangen, hatte das Bewusstsein verloren, war aller Wahrscheinlichkeit nach gestorben, denn wie hätte ich mich aus dieser Situation retten können und war anschließend in eben demselben Raum erwacht in dem alles angefangen hatte.

Mein Fazit: In der Realität wäre all dies nicht möglich,in keiner Weise. Also musste dies eine Art Traum oder ähnliches sein.
Ja dieses Fazit hätte ich gerne gezogen, jedoch war ein kleiner, aber feiner Haken an der Sache. Ich fühlte Schmerz! Mein ganzer Körper schmerzte von dem Aufprall auf dem Boden, meine Lungen brannte noch immer höllisch,als wären sie wirklich eben erst dem sicheren Tod entronnen. Ich konnte es nicht leugnen,so sehr ich das auch wollte,sosehr ich auch einfach aus meinem Albtraum aufschrecken wollte,wusste ich doch, dass es nicht so einfach war. Ich rang noch immer um Atem und spürte meinen Puls ,wie er sich langsam aber sicher beruhigte. Das war nicht möglich, nichtmal im Traum,nicht so intensiv. Also was genau passierte hier?

Sofort zog die schwarze Tür meine Aufmerksamkeit an sich,als sie sich eine Spalt breit öffnete,das Gas welches nun daraus hervorquoll war nun nicht mehr giftgrün sondern hatte eine weißlichen Ton angenommen. Fast wie Nebel. Ich hatte ja von An- fang an gespürt,dass der scheinbar einfachere Weg mich nicht weiterbringen wür- de.Hätte ich nur auf mein Gefühl gehört, wäre ich jetzt wohl weder verletzt noch hätte ich meine Zeit mit dem schrecklichen Wald hinter der grauen Tür verschwendet. Mir war klar, dass es meine eigene Schuld gewesen war. Aber auch wenn alles, was ich von dort mitgenommen hatte nur Angst und Schmerz gewesen waren hatte es doch seinen Sinn gehabt, durch diese Hölle zu gehen, denn die schwarze Tür mit dem blut- roten X jagte mir keine Angst mehr ein. Wie viel schlimmer konnte es wohl noch werden? Ich humpelte zu der Türe und ohne das kleinste Zögern trat ich ein.

Sofort war ich in komplette Dunkelheit gehüllt und etwas drückte schwer auf meinen Brustkorb. Ich schloss meine Augen. Meine brennenden Lungen füllten sich wieder und wieder mit Luft trotz irgendeines Widerstandes der darin raschelte und dann durchzuckte mich ein scharfer Schmerz in der Brust. All der Mut, der vor wenigen Minuten noch in mir geherrscht hatte, war wie weggeblasen. Ich zuckte in Angst zusam- men und fühlte wie sich Tränen in meinen Augen sammelten. Ich wollte wissen was hier geschah, was mit MIR geschah. Ich ballte die Fäuste und als ein lautes seltsames Piepen ertönte, riss ich die Augen panisch auf , auf alles gefasst. Das Ergebnis verwirrte mich jedoch zutiefst.

Ein grelles Licht blendete mich. Der Druck auf meiner Brust verschwand und ich konnte etwas freier Atmen als zuvor, was mich freute, noch nie in meinem Leben hatte ich Luft so sehr zu schätzen gewusst wie in diesem Moment. Ich nahm die Umge- bung wahr und bemerkte, dass ich in einem Bett lag, welches aber ganz sicher nicht mein Bett war, das wusste ich sofort. Das Kissen war zu weich und die Breite stimm- te auch nicht. Es roch nach Desinfektionsmittel und billigen Discounterblumen. Ich hatte eine Vermutung wo ich gelandet war.
Wie durch Watte drang eine tiefe männliche Stimme durch meine Ohren: „Sie ist zurück!! Patientin stabil.“ Die Stimme nahm einen erleichterten Unterton an: Sie wird es schaffen, sie ist stärker, als wir dachten. Zwischenzeitlich lief ihr Wasser in die Lunge und ob ihre Betäubung bis zum Ende gewirkt hat ist eher fraglich, aber sie ist jetzt außer Gefahr.
Ich lehnte mich zurück und entspannte mich, das waren doch Nachrichten, bei denen ich mir ruhig noch ein zwei Stunden wohlverdienten Schlaf gönne konnte. Ich schloss die Augen, von einer plötzlichen Müdigkeit überwältigt. Die Welt würde dann ja wohl auch noch ein bisschen warten können.

Xenia Riexinger, MSS 11

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