Ausgezeichnet bei den Donnersberger Literaturtagen

Innenleben

Der beständige Regen verlieh der auflebenden Dämmerung etwas seltsam Mystisches. Tropfen für Tropfen bildeten eine Symphonie in zarter Symbiose mit dem sich aufbäumenden Wind, der den Schauer wie im Rausch zerstäubte und in die Fänge des Chaos trieb. Eine schreiende Landschaft im sehnsüchtig wirren Rausch. 

Ihre Hände umklammerten die Riemen ihres Rucksacks fester, während ihre Gedanken zwischen den Gleisen tanzten und trieben, um sich letztendlich im weiten Raum zu verlieren. 

Ihre Zehen überragten den Strang des Gleises um wenige Zentimeter, sodass es ihr schien, als könnte ein sanfter Hauch sie niederreißen. Der Gedanke zog ein kleines Lächeln über ihr Gesicht, das so bittersüß im Kontrast zu ihren weit aufgerissenen Augen stand. Die bernsteinfarbenen Kristalle glänzten beinahe verträumt im Kampf gegen die reifende Finsternis, die sich immer massiger und massiger in dem Abgrund vor ihren Füßen manifestierte.

Tief einatmend löste sie ihren Blick von den nassen Schienen und richtete ihn gen Himmel. Weißer Dunst verließ sprühend ihre Lippen, griff nach den Wolken, strebte ihnen sehnsüchtig entgegen, um sich letztendlich irgendwo in der Welt zu verlieren, wie auch sie sich irgendwo in der Welt verlor. Es fiel ihr schwer einen genauen Zeitpunkt zu definieren, an dem ihr Inneres angefangen hatte zu splittern. Es fiel ihr so schwer, dass sie stirnrunzelnd versuchte wahllos Erinnerungen aus ihrem Geist zu kramen, als wäre sie eine Detektivin im Ermittlungsverfahren.

Schlittenfahren auf dem Hügel vor dem Altersheim, während die Senioren aufgeregt geklatscht und gelacht hatten. Die erste richtige Achterbahnfahrt im Holidaypark mit ihrer Schwester an der Seite, die wie am Spieß geschrien hatte. All die Bücher, die sie bereits gelesen hatte und deren Worte um sie waberten und rauschten. Diese eine Fahrt nach England, als sie auf einem fremden Kerl eingeschlafen und anschließend vor Scham ganz rot geworden war. Der gruselige Nachbar, den sie vor langer Zeit in ihrem Verstand eingeschlossen hatte. Der Moment, als sie sich die Haare abrasiert hatte, um zu lernen loszulassen. Dieses eine Mal, als sie auf der falschen Seite der Brücke gestanden hatte. Die erste Zigarette auf dem Balkon der Psychiatrie in bemerkenswerter Heimlichkeit. Das breite Grinsen ihrer besten Freundin auf ihrem ersten Konzert. Die Abschiedsbriefe, die zentnerschwer in ihrer alten Schultasche lagen. 

Ein zittriges Lächeln umspielte ihre spröden Lippen, als sie an all diese Lichter in der Dunkelheit ihres Verstandes dachte. So viele Lichter, dass ihr Geist eigentlich lichterloh brennen müsste. Ihre Haut müsste sich mit einem dünnen Schweißfilm bedecken, sich rötlich färben, leichte Blasen werfen und sich letztendlich schälen, als würde sie wie ein Phönix aus ihrer eigenen Asche neu auferstehen. Sie spürte ihr Inneres anschwellen, sich weiten, ausdehnen und es schien ihr, als würde sie zerreißen, während ihre Gedanken sich im fiebrigen Rausch der Vergänglichkeit räkelten. Ein Keuchen verließ ihre trockene Kehle, als sie glaubte zu implodieren. Sie war im Wahn der Neuordnung gefangen, riss die Arme zum Himmel und meinte, die Wolken durchbrechen zu können, um ihre Heimat zwischen den Sternen zu finden. 

Plötzlich ertönte ein metallisches Klirren in der Ferne, das vom weiten Raum getragen, ihre Seele erbeben ließ. Die Schienen zu ihren Füßen begannen zu vibrieren und die Zeit forderte einen Entschluss. 

Es schien ihr, als würde das leise Gezwitscher der Vögel für einen Moment verstummen, als würde der Regen so unnatürlich langsam vom Himmel fallen, als würde der peitschende Wind nun liebkosend über ihre Wangen streichen. Die Welt hier ihren Atem an, während ihrer ihr keuchend über die Lippen rasselte. 

Sie dachte an all diese flackernden Lichter, an all diese grauen Tage, an all die bösen Worte, an all die lächelnden Gesichter, an all den Schmerz, während das Kreischen des Zugs immer gedämpfter und gedämpfter zu ihr durchdrang. Ihr durchnässtes Haar klebte an ihren Wangen, als sie den Blick vom grauen Himmel abwandte und ihre geballten Fäuste betrachtete. Hände, die zum Halten gemacht wurden. Füße, die existierten um an der Erde zu haften. Beine, die sie all die steinigen Wege tragen sollten. 

Ein Herz, dessen schmerzhaftes Ziehen sie erinnerte, dass dieses Leben an ihr haftete.

Das schwindende Licht drückte die Welt in Richtung der Fantasie, doch der kalte Wind drängte sie zurück in die Realität und abermals fragte sie sich, was der Wirklichkeit ihren Gehalt gab. Abermals fragte sie sich, was ihrer Wirklichkeit den Gehalt stahl. Abermals fragte sie sich, was der Gehalt ihrer Wirklichkeit war. 

Ihr Unwissen ließ sie lächeln, während sie einen Schritt wagte.

Patrizia Turek, MSS 12

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