Ausgezeichnet bei den Donnersberger Literaturtagen 2021

Saccharin

Drew war glücklich. 

Wem auch immer er dies sagte, lachte ihn zwar mitleidig aus, aber er war trotzdem glücklich. Er hatte Morgan gern, sehr sogar. Soweit gehen, zu sagen, dass er ihn liebte würde er zwar nicht, aber er mochte Morgan. 

Eigentlich konnte Drew auch gar nicht sagen, dass er Liebe für Morgan empfand. Sie hatten von Anfang an festgelegt, dass in ihrer Beziehung dafür kein Platz war. Morgan hatte kein Interesse daran und Drew arrangierte sich eben damit. Solange er sich oft genug selbst sagte, dass er glücklich mit der Situation war, wie sie nun eben ist, sollte ja alles gut sein.  

Gähnend und purer Gewohnheit folgend nahm Drew zwei Tassen aus dem Schrank, seine eigene und die, die er mal Morgan geschenkt hatte, nur dass der sie nicht wirklich angenommen hatte. Er füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein. Dann begann er, Kaffeepulver in den Filter zu geben. Während beide Maschinen ihrem Werk nachgingen, suchte er nach Zucker. Das Päckchen war fast leer; ihm war gar nicht bewusst, wie viel er davon momentan verbrauchte. Mit einem Seufzen stellte er es auf die Theke und holte einen Löffel. 

Seine Augen wandten sich in Richtung Treppe, horchend, wartend, ob Morgan wach war, aber bis auf leise Musik aus dem Wohnzimmer war alles still. Er streckte sich und schaute aus dem Fenster. Insgeheim fragte er sich, ob Morgan gefiel, dass er immer Kaffee für ihn bereitstellte. Andererseits wusste er, dass er es wahrscheinlich nur gleichgültig hinnahm. 

Morgan zeigte ihm gegenüber keine Zuneigung oder ähnliches, wozu auch. 

Letzten Endes waren auch die ganzen sweet nothings, die ihm immer wieder ins Ohr geflüstert wurden, befreit von jeglichem, tieferen Sinn und nicht erfüllt von tatsächlicher Liebe. 

Dummes Geschwätz, geboren durch den Rausch der Gefühle, die im gesamten Körper explodierten und den Verstand vernebelten. Das wusste er auch, aber irgendwie war dieses Wissen mittlerweile in Vergessenheit geraten.

Trotzdem war das allein nicht genug, dieses grausame Flattern in Drews Brust zu zerstören.

Obwohl Morgan nie etwas von sich preisgab, maßte Drew sich an, zu wissen was der Andere fühlte. Er bildete sich ein zu wissen, was in dem von weißblonden Haaren beschützten Kopf vorging und was für ein Herz in der blassen Brust schlug. Andererseits wusste er, dass er Morgan eigentlich kaum kannte. 

Klar, oberflächliche Dinge wusste er. Unsinn, wie dass er Tee hasste, aber Kaffee liebte – das Gegenteil von Drew.

Aber was war er eigentlich für ein Mensch? Er wirkte kalt, wie ein Wintermorgen, an dem die Straßen glatt gefroren waren und kein Sonnenstrahl durch die dichte, graue Wolkendecke zu dringen vermochte. Nur wer sagte ihm, dass Morgan nicht eigentlich ein warmer Sommertag war, an dem die ganze Welt fröhlich lachte und tanzte?

Mittlerweile hatte Drew allerdings bemerkt, dass sich in den letzten zwei Jahren etwas bei ihm verändert hatte. Und davor hatte er Angst. Angst vor dem, was er fühlte. Er konnte es Morgan nicht sagen, der würde ihn direkt fallen lassen; das hatte er ihm eingebläut, nachdem sie sich auf ihr Arrangement geeinigt hatten und nebeneinander lagen, schwer atmend und doch irgendwie glücklich.

Glücklich. Was bedeutete das eigentlich? Warum lachten sie immer alle, wenn Drew sagte, er wäre glücklich? Fiel es den Leuten so schwer, zu glauben, dass man glücklich sein konnte, wenn man sich einfach nur gegenseitig zufriedenstellte, statt ein Leben miteinander zu teilen?

Drew war es anfangs auch schwergefallen, das zu glauben. Schließlich widersprach es in so ziemlich allen Punkten dem romantischen Herzen, von dem jeder hoffte, dass es noch irgendwo in dieser Welt schlug.

Morgan hatte ihm schnell beigebracht, dass dieser ehemals so starke und stetige Herzschlag mittlerweile abgebrochen und erkaltet war.

Es regnete. Leise hämmerten unzählige, große Regentropfen gegen die riesigen Fensterscheiben, übertönten fast schon die leisen Töne des Plattenspielers, der im Hintergrund spielte. Trotzdem schreckte Drew auf, als die Musik plötzlich verstummte und dafür ein leises Kratzen ertönte, dass das Ende der A-Side verkündete. 

Er wandte sich von dem Schauspiel des Regens ab und lief zu dem Gerät hinüber. Meckernd stand er da, der Plattenspieler, beschwerte sich von seinem Platz auf dem massiven Eichentischchen darüber, dass seine Nadel in der Auslaufrille gefangen war. 

Drew versuchte dabei, das Chaos in seinem Wohnzimmer zu ignorieren. Die vielen beigen und grauen und fliederfarbenen Kissen, die von der Couch gefallen waren und die grauen Decken, die ihnen Gesellschaft leisteten. Die vielen umgestoßenen Flaschen, die einstmals Wasser und anderes beinhaltet hatten, leere Weingläser mit dunkelroten Resten eingebrannt in das geschwungene Glas. 

Auf dem Naturholzboden verstreute Kleidung. 

Entfernt hörte er die Kaffeemaschine ankündigen, dass die erste Tasse des Brackwassers fertig war und er nahm den Wasserkocher wahr, der piepsend die heiße Flüssigkeit anbot. Der Geruch der Kaffeebohnen stieg ihm in die Nase, sorgte schon fast dafür, dass sich ihm der Magen umdrehte. Irgendwo öffnete sich eine Tür, die daraufhin schon wieder zuschlug, dafür aber eine neue eröffnete. Fast schon auf Autopilot lief er zurück in die Küche.

Wirklich in seinem Kopf ankommen tat nichts von dem, was gerade passierte. 

Denn der war voll von dutzenden Gedanken, voll von Morgan. 

Voll davon, wie sehr es ihn innerlich zerriss, immer noch diese Art von Beziehung aufrechtzuerhalten.

Mechanisch nahm er seine Tasse, goss das heiße Wasser auf den Teebeutel und sofort stieg ihm ein fälschlich süßer Geruch in die Nase. Was auch sonst, die Sorte bestand aus nichts anderem als künstlichen Aromen und Geschmacksverstärkern, nicht aus wirklichen Teeblättern.

Gedankenverloren gab er Löffel um Löffel Zucker dazu, ohne zu überlegen, ob der Tee am Ende überhaupt noch genießbar war.

Klar wäre es einfacher, dass alles hier zu beenden, aber Drew war ein Liebhaber des Schönen. Und Morgan war dieses Schöne für ihn. 

Morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen des Tages die Gardinen durchbrachen und auf sein Bett fielen; es war der Moment, in dem er jedes Mal aufs Neue lernte, was wahre, atemberaubende Schönheit war.

Er war schon immer ein Frühaufsteher gewesen. Deswegen war er dazu in der Lage, so oft eine Seite von Morgan zu sehen, die jedem verborgen blieb. Es war ein Bild, dass nur für ihn reserviert war.

Morgan, so friedlich, so locker und gelöst, wie er es nie im wahren Leben war. Seine blassblonden Haare, erleuchtet von dem goldenen Licht, dass durch die Fenster schien, seine helle Haut, genauso von einem Goldschimmer ergriffen. Kein angestrengter Blick auf seinem Gesicht, die Augenbrauen nicht zusammengezogen, seine Lippen leicht geöffnet, nicht wie sonst zu einem dünnen Strich verzogen.

Egal wie hässlich dieser Mensch von innen war, sein Äußeres war das exakte, perfekte Abbild der idealen Schönheit.

Er war wunderschön, so wunderschön, wenn sein Geist ihm nicht innewohnte. 

Drew konnte sich nicht dazu bringen, ihn gehen zu lassen, sich von ihm abzuspalten. Vielleicht bildete er sich ein, ihn retten zu können. Ihn zu einem besseren Menschen zu machen. Ihm Gefühle entlocken zu können.

Innerlich wusste er aber, dass man Morgan nicht verändern konnte. Manche Menschen waren so wie er, verdorben und vergiftet. So giftig, dass sie alle anderen in ihrem Umfeld auch ansteckten und krank machten. Aber doch so berauschend, dass sie abhängig machten und ihre Opfer völlig aussaugten. 

Trotzdem konnte Drew Morgan nicht hassen. Er konnte es nicht. Alles, weil er sich einbildete, ihn zu lieben. 

Aber war Drew nicht einfach nur ein jämmerlicher Idiot, der immer und immer wieder Ja sagte, weil er sich selbst in der Illusion von Liebe gefangen halten konnte, wann immer Morgan ihn berührte?

War er nicht einfach nur ein lächerlicher Clown, der sich selbst anlog, um die Realität nicht sehen zu müssen?

Manchmal stellte er sich vor, dass er Morgan die Wahrheit erzählte. Und dass der seine Gefühle erwiderte. 

Fantasie war so verlockend, aber auch so tückisch, wenn sie schöner war als die Wahrheit. 

Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Morgan die Platte umdrehte und das Zimmer wieder mit sanfter Musik erfüllte, deren süße Worte allein schon dafür sorgten, dass Drews Herz immer weiter und schneller verrottete.

Im nächsten Moment spürte Drew Hände, kalte Finger, die über den Bund seiner dunklen Jogginghose strichen und sich unter den Saum seines weißen T-Shirts bewegten. Ein Schaudern durchfuhr ihn, welches Morgan dazu brachte, ein kratziges Lachen von sich zu geben. 

Raue Lippen strichen über seinen Hals, brachten ihn dazu, sich an den Anderen zu schmiegen, die Wärme, die von seinem Körper ausging in sich aufzunehmen.

Drew hasste, welch einfaches Spiel Morgan mit ihm hatte, andererseits gab es nichts, was er lieber hasste. Morgan kannte ihn. So einfach war das und hatte nichts mit so einem Geplänkel wie Liebe zu tun. Er wusste, was Drew gefiel und wie er mit ihm umgehen musste. 

Muscle Memory. Sonst nichts.  

Abwesend ließ er sich von Morgan mit sich ziehen, ließ zu, dass er ihm sein T-Shirt auszog und achtlos auf den Boden warf, zu den Kleidungsstücken, die schon dort lagen.

Dann stieß Morgan ihn auf die graue Couch. Die Kühle des Stoffes kroch langsam Drews Haut entlang, aber das Gefühl währte nicht lange. 

Und alles blieb vorerst so, wie es war. Bittersüß.

Lena Knieriemen, Abiturientin

Bild: pixabay