Was haben zwei Autoren aus Kaiserslautern gemeinsam? -Vorlesung Christian Baron und Jeremias Thiel

Am 24.6 setzten wir uns in eine vollgepackte Aula, um die Lebensgeschichte von zwei Menschen zu hören: Jeremias Thiel und Christian Baron. Barons Buch wurde teilweise von Klassen/Kursen behandelt, unter anderem unser Deutsch Grundkurs. Bei beiden sind zwei Dinge gemeinsam: Sie haben die Reise wieder in die wahre Heimat gewagt (ja, zwei Kaiserslauterner!) und sind auf verschiedenen Wegen aus der Kindheitsarmut in Deutschland herausgekommen. Ach ja, und sie haben beide Bestseller-Bücher über ihr Leben veröffentlicht.
Obwohl die Aussicht teils bedeckt war, konnte man die Männer sehr wohl hören: Beim Vorlesen ihrer Geschichten, und beim Erzählen darüber, was sie außerhalb der Seiten bewegt hat und noch bewegt.
Erst einmal Jeremias: Als kleiner Bursche von 11 wagte er den Schritt aus seinem prekären Harz-IV Elternhaus zu einem SOS-Kinderdorf. Ich wusste in den Moment, jetzt ist Schluss. Ich kann das nicht mehr aushalten, sage Thiel. Er war an dem Tag von einen seiner Eltern mit seinem Bruder eine lange Zeit in ein Zimmer eingesperrt worden.
Er bekam später die Chance, an einer internationalen Universität in den USA zu studieren, ein Angebot, welches er gerne annahm. Mittlerweile versucht er sich an seine Eltern etwas anzunähern, ein Prozess, was durchaus Fortschritt zeigt (Informationen aus der WDR-Doku über sein Leben: https://m.youtube.com/watch?v=FO13Dp9RKAI).
Im Zuge dieses Zeitraums lernte er die Politik kennen und lieben. Heute ist es sehr deutlich, dass er für seinen Beruf als SPD-Partei-Mitglied brennt.
Als nächstes Baron. Etwas älter als Jeremias, strahlt er vom ersten Blick etwas mehr Lebenserfahrung aus. Er wirkt wie ein „ganz normaler“ Typ und möchte auch so herüberkommen. Ich habe vor meinen Besuch kurz gedacht, ich mache mal ein bisschen Dreck vom Schuh, meine er. Aber dann habe ich es gelassen, weil ich einfach ich selbst sein wollte.
Und das war er auch. Ein Familienmann mit Frau und Kindern antwortet er auf unsere Fragen offen und authentisch. Sein Buch, mit dem Titel „Ein Mann seiner Klasse“, schildert auführlich und überraschend intim die Geschichte eines Kindes, welches mit einem gewälttätigen Vater und einer depressiven Mutter aufwächst. Schockierende Anekdoten, wie zum Beispiel das Essen von Schimmel von der Wand, da man seinen Hunger nicht mehr aushalten konnte, waren für ihn Alltagsbilder.
Dennoch schaffte er es an ein Gymnasium, nicht zuletzt mithilfe seiner durchsetzungsfähigen Tante Juli. Die Stelle, die er aus seinem Buch vorliest, handelt davon, wie bei dem Jugendamt sie für die Zukunft ihres Neffen kämpft, nachdem er trotz Gynasialempfehlung mehrmals abgewiesen worden war.
Von ihren Schilderungen konnte man mitnehmen, dass selbst im unserem reichen Land es Menschen nicht immer gut haben. Sich deswegen für ärmere einzusetzen und sie nicht zu vergessen, sollte vielen am Herzen liegen. Und vor allem für unser reich beschenktes Leben dankbar sein. Alles, was wir haben, ist auf keinen Fall selbstverständlich–Essen, Bildung, schöne Kleider usw.
Umgekehrt erfuhr man aber auch, dass es selbst in Situationen, in der man so gut wie gar nichts hat, Momente des Glücks und der Geborgenheit geben kann. Zum Beispiel wird das Singen und Tanzen Christians mit seiner Mutter ihm für immer in Erinnerung bleiben. Mit kurzen Ausscheifungen in die Politik (wer hätte es denn anders erwartet) lieferten beide informative Antworten. Aus der Armut zu steigen ist nicht leicht, und die zwei betonten deutlich, dass sie es selbst nicht ohne Hilfe nicht dort gewesen wären, wo sie sind. Die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt, die sich wirklich um sie gekümmert haben, z. B. die Helfer im SOS-Kinderdorf für Jeremias oder der Obersrufenlehrer von Christian waren Schlüssel für ihr letztendliches Erfolg.
Und? Wen gibt es, den Du heute aus deinem Lebensweg danken kannst?
-Anne Reese, MSS 12
Bücher (auch in unserer Schulbibliothek er hältlich):
Jeremias Thiel (mit Ulrike Strerath-Bolz): KEIN Pausenbrot, KEINE Kindheit, KEINE Chance. Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss. Piper, München 2020. ISBN 978-3-492-06177-3
Ein Mann seiner Klasse. Autobiografie.* Claassen Verlag, Berlin 2020 ISBN 978-3-546-10000-7
*Baron selbst bezeichnet das Werk als „fiktive Autobiographie“, da das Buch trotz ihrer Wahrheitsnähe als Roman geschrieben ist.
Wikipedia-Seiten (für Interessierte):
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Jeremias_Thiel
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Christian_Baron
