Wie ich starb

Ich höre noch, doch es gibt nichts zu hören. Ich schmecke noch, doch ich kann nichts mehr essen. Ich fühle noch, doch es gibt für mich nichts mehr zu fühlen. Ich rieche noch, doch mein eigener modernder Geruch wird immer schlimmer. Ich sehe noch, doch ich bekomme nichts als die Dunkelheit zu sehen. Ich bin tot. Ich liege in meinem Sarg, welcher mittlerweile gefüllt mit Insekten ist, sie krabbeln durch alle meine Körperöffnungen und ernähren sich von allem auffindbarem in meinem Körper. Ich kann es spüren und es ekelt mich an, aber ich kann nichts tun. Noch vor ein paar Tagen war alles ganz anders.

Ich liege auf der Ladefläche eines Pickups. Ich höre einzig das Quietschen und Ächzen des Fahrzeugs und schmecke körnigen Sand in meinem ausgetrockneten Mund. Ich fühle eisige Eisenschellen an meinen Händen und Füßen, sie sind so rau, dass sie mir meine Haut Stück für Stück abschürfen und ihr Gewicht macht es mir unmöglich mich zu bewegen. Mir steigt mein eigener stechender Schweißgeruch in die Nase. Als ich meine Augen ruckartig öffne brennen sie fürchterlich. Mit leerem Blick starre ich in die düstere Nacht, die mir meinen Tod verspricht. Der Himmel ist wild wie das Meer und verdeckt vor Zorn die Sterne. Doch der Mond kann sich durchsetzen und offenbart mir Hoffnung. Von markigen Händen gepackt, lande ich in einem Raum. Die dicke Stahltür hinter mir fällt zu und das Echo windet sich durch den Raum. Von den Handschellen und dem Tuch vor meinem Mund befreit taumle ich in die Mitte des kalten und verlassenen Raumes. Mir fällt das Summen von einigen Kameras direkt in die Ohren. An jeder der vier Wände befinden sich Türen. An der mir gegenüberliegenden Wand ist eine gigantische rote, auf der „Nicht öffnen“ steht, hinter mir die Stahltür, aus der ich kam, und an den zwei anderen Wänden befinden sich jeweils vier Türen. Sie sind aus gräulichem Holz und beschriftet. Auf dem lehmigen Sandboden liegt etwas. Ich hebe ein angekokeltes Papier vom Boden und versuche den Inhalt zu entziffern, doch manche Buchstaben sind von getrocknetem Blut überdeckt:

Escape Rom: Tesperson 1

Übelebe 5 Rume ud die rot Tür öffnet sich.

Mit zitternden Händen lasse ich den Zettel zu Boden fallen. Meine Knie sacken unter meinem Gewicht ein und ich falle zu Boden. Doch zugleich schießen von allen Seiten Maschinengewehre auf mich gerichtet aus den Wänden. Aus Todesfurcht fange ich an mich über den kahlen Boden zu robben. Vor den Türen angekommen, richte ich ächzend meinen Kopf nach oben und fange an die Beschriftungen zu lesen. Viel kann ich damit nicht anfangen. Allerdings erscheint mir die Tür links neben der Stahltür mit der Aufschrift „Malen kann jedes Kind“ am sympathischsten.

Das Seufzen der Tür übertönt meine Schnappatmung beim Betreten eines durch und durch pinkfarbenen Kinderzimmers. Die Holztür fällt hinter mir zu, ohne dass ich mich gerührt habe und lässt sich nicht wieder öffnen. Ich atme tief ein und aus- und ein und aus- und ein und aus, bis ich die Kraft finde auf die Leinwand am Ende des Raums zuzulaufen. Die Anweisung der dort angebrachten Karte lässt mich einige Sekunden erstarrt auf das weiße Blatt stieren. Doch auch hier kommen wieder Maschinengewehre aus allen Seiten geschossen und auch hier verstehe ich die Nachricht. Ich setzte mich auf den Boden mit dem Skalpell in der Hand und lege die Spitze an meinen linken Unterarm. Oder sollte ich vielleicht doch lieber den Oberschenkel nehmen? Wo werde ich mehr bluten mit den geringeren Schmerzen? Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, fange ich an zu schneiden. Das Skalpell gelangt zur Hornhautschicht, zur Keimschicht und dann zur Unterhaut und gräbt sich bis hin zum Fettgewebe. Mir schießen bittere Tränen in die Augen, ausgelöst durch das Brennen der klaffenden Schnittwunde. Rotes Blut tropft auf den Boden, aber ich weiß genau, dass ich nicht zu viel Blut verschwenden darf. Ich schmeiße das Skalpell weg und stehe auf. Mein Kreislauf scheint mich Stück für Stück zu verlassen. Von meiner zittrigen Hand geführt landet mein Finger erst in der Wunde, was mich aufjaulen lässt, und dann zur Leinwand. Mit meinem heißen, frischen Blut fange ich an zwei geschwungene Linien zu malen, um sie dann zu einem Herz zusammen zu führen. Nichtsdestotrotz dauert es nicht lange, bis ich neue Farbe brauche.

Die Holztür öffnet sich wie von selbst, sobald ich den letzten weißen Fleck des Herzens ausgefüllt habe. Schweißgebadet verlasse ich den Raum und trete wieder in den mir bekannten Raum ein. Über der Tür, aus der ich kam, leuchtet ein grüner Haken auf. Meine Haare kleben mir im Gesicht und mein Schweiß hat sich bereits mit meinen Tränen und meinem Blut vermischt und bildet einen klebrigen Film auf meiner Haut. Mit Schmerzen schaffe ich es mein T-Shirt auszuziehen, um es mir als Bandage umzubinden. Was mir jedoch fasst schon nutzlos vorkommt, da mein Blut weiterhin unentwegt auf den Boden tropft. Ich frage mich, ob es möglich ist, hier lebendig herauszukommen. Und falls nicht, sollte ich mich dann nicht schnellstmöglich von den Maschinengewehren durchsieben lassen, um weniger zu leiden? Doch ich denke an den Mond zurück, der mir vorhin noch so viel Hoffnung gab und entschließe mich den nächsten Raum zu betreten.

Vor mir liegt eine Leiche. Vor Schreck werde ich so blass, dass meine Haut die gleiche Farbe der Leiche annimmt. Sie ist von Kopf bis Fuß ausgestreckt und auf einem Zerlegetisch platziert. Es ist ein kleines Mädchen in einem weißen Kleidchen, mit einer bordeauxfarbenen Schleife, Perlenohrringen und zwei geflochtenen Zöpfen. Doch eines ihrer Beine fehlt. Der blutige Stumpf an ihrer Hüfte deutet an, dass man ihr das Bein abgesägt hat. Beim näheren Betrachten erkenne ich den Knochen und die Arterien, welche herauslugen. Das kleine Ding hat die starren Augen weit aufgerissen, wobei eines der Augen ist exorbitant größer als das andere und die Lippen eng zusammengepresst. Leichen machen mir in Filmen nichts, doch das hier ist eine ganz andere Nummer und sie raubt mir den Kreislauf. Ich fange an die Spielregeln zu lesen, obwohl es sicherlich kein „Spiel“ wird.

Ich wache durch einen Schuss auf und schrecke hoch. Die Kugel hat einige Millimeter neben meinem Kopf ein Loch in den Boden gepresst. Jetzt wo ich stehe, bekomme ich stechende Kopfschmerzen, die sich ein Battle mit den Schmerzen meiner Schnittwunde liefern. Erst jetzt drehe ich mich wieder zum Tisch um. Doch er ist leer. Das Mädchen ist fort. Wo ist sie hin und wann ist sie gegangen? Wie soll ich nun meine Aufgabe erledigen, wenn sie nicht da ist. Während ich stocksteif dastehe, kommt aus heiterem Himmel eine Gestalt schrill brüllend auf mich zu. Ich schließe meine Augen. Als ich sie wieder öffne, steht die Gestalt nur einige Zentimeter vor mir. Meine Atemzüge werden schneller und kürzer. Ich erlaube mir einen Blick auf die Gestalt zu erhaschen und verstehe, dass es das Mädchen ist. Aber von Mädchen kann hier kaum noch die Rede sein. Das Gesicht ist das einer alten schrumpeligen Frau. Doch der Rest an ihr ist noch gleich. Sie sieht mich perplex an und fängt dann an mich fixierend ihren Kopf von rechts nach links zu bewegen. Ihr Kopf wird immer schneller, sodass man kaum noch erkennt, dass es einer ist. Ohne Vorwarnung hüpft sie auf ihrem ein Bein auf mich zu, sodass ihr Beinstumpf in Bewegung kommt und mitschwingt. Kleine, flinke Schritte tragen mich bis an eine Wand, deren Kälte meinen ganzen Körper durchfährt. Es wird dunkel. Nichts als schwarz wird von meinen Augen wahrgenommen. Einige Sekunden später geht das Licht wieder an und die Frau steht mir gegenüber. Ihr lauwarmer, feuchter Atem steigt mir in die Nase, sodass mir flau im Magen wird. Sie fängt an meinen Atemrhythmus anzunehmen und man könnte meinen, dass sie gleich hyperventilieren wird. Mit meinen blutüberzogenen Händen taste ich die Wand ab. Hier ist nichts. Ich fange an der Wand entlang nach rechts zu gehen, aber die Gestalt folgt mir Schritt für Schritt. Jetzt endlich finde ich etwas Greifbares unter meinen nackten Füßen. Keine Zeit zum Nachdenken, mit voller Kraft ramme ich den Locheisen in ihr Gesicht. Er landet oberhalb ihres Nasenbeins, zwischen ihren bizarren Augen. Er hat sich durch ihre Haut, durch den Schädel, bis in ihr Gehirn gezogen. Die Frau scheint keine Schmerzen empfinden zu können, kommt jedoch ins Straucheln und fällt rückwärts auf den Boden. Ein kurzes Lächeln passiert meine Lippen, bevor ich meine Beine in die Hand nehme und zur Tür renne. Keine zwei Schritte kann ich gehen. Die Frau hat mein Bein umklammert, sodass ich, ohne mich abzufangen auf den Boden knalle, mit dem Gesicht voraus. Ein dumpfer Schlag. Aus meiner Nase strömt Blut und mein Schädel brummt stärker als der Motor eines Moppets. Hinter mir ertönt das grausige, böse Lachen der Frau. Sie selbst steht wieder, jedoch mit der Waffe im Gesicht. Voller Schmerzen geplagt drehe ich mich zu ihr um und sehe, dass ihre beiden Hände am Locheisen sind. Ruckartig, aber nicht ganz flüssig zieht sie ihn heraus. Das dabei entstehende Geräusch ist furchtbar. Es erinnert mich an die Geräusche, die beim Herstellen eines Teiges entstehen. Erst hört man das quetschende Geräusch, dann das Blut, welches herausströmt und zuletzt den Aufprall der Waffe. Ohne lange zu zögern, fange ich an mich auf allen vieren zur Tür zu bewegen. Die Gestalt wartet nicht lange, um mir zu folgen. Ich greife die Türklinke und rutsche ab. Beim nächsten Versuch gelingt es mir. Im mir bekannten Raum angekommen schließe ich die Tür, doch irgendetwas, wahrscheinlich die Frau drückt dagegen. Ich trete mit voller Wucht dagegen und spüre etwas Weiches, Nasses und zugleich extrem kaltes an meinem Fuß.

Ich muss hier raus. Egal mit welchen Konsequenzen. Ich stelle mich keiner anderen Herausforderung mehr. Dieses Experiment hat mit diesem Spiel sein Ende genommen. Meine Füße tragen mich zur roten Tür, die ich versuche mit aller mir zustehenden Gewalt zu öffnen. Eine Sirene heult auf. Ich höre gerade noch so den ersten und viele- viele Schüsse auf meinen Körper auf Prasseln.

Ich bin tot und dennoch kann ich denken. Mein Körper ist mein Gefängnis. Der Tod mein Wächter. Ohne jegliches Zeitgefühl, ohne jegliche Leute, die um mich trauern werden. Ich bin allein in meinem Grab. Und werde allein bleiben in meinem Grab, bis mein Körper zu Asche wird und meine Seele davon wehen kann.

Elise Höhn, MSS 11