„Zivilcourage ist gefragt. – Mehr können wir alle nicht tun. Aber das ist schon viel“

Zum Tod von Margot Wicki-Schwarzschild (1931-2020)

Margot Wicki-Schwarzschild wurde am 20. November 1931 in Kaiserslautern geboren. Sie war eine deutsche Überlebende des Holocaust. Am 29. Dezember verstarb sie in Basel. Anlässlich des Todes dieser bemerkenswerten Frau veröffentlich die Perspektive ein Interview mit Margot Wicki-Schwarzschild, welches Christina Ramazanov (MSS 12) als damalige Achtklässlerin mit ihr geführt hat.

Ihr Vater war Organist in der jüdischen Synagoge, waren Sie oft mit ihm dort?

Wir Kinder durften vor allem an den hohen Feiertagen dabei sein und waren immer sehr glücklich, dass der Vater der Orgel so wunderbare Töne entlocken konnte. Meine Schwester Hannelore, die 2 Jahre älter war, durfte manchmal Papa’s Noten umblättern. Einmal ist ihr ein Missgeschick passiert, sie hat 2 Blätter auf einmal erwischt… Aber mein Vater hat das virtuos gelöst, so dass die Gemeinde nichts davon merkte. Zu sagen wäre noch, dass die Synagoge Kaiserslautern eine liberale Synagoge war, denn die streng orthodoxen Gotteshäuser hatten keine Orgel.

Wie hat es sich angefühlt, von heute auf morgen ausgegrenzt zu sein und wie hat man das Ihnen zu erklären versucht?

Das ging so allmählich, nicht von einem Tag auf den anderen. Zuerst durften Nachbarskinder nicht mehr mit uns spielen, das tat weh…, die Leute wechselten die Straßenseite, wenn sie uns sahen – und dann, 1938 wurde wir aus den öffentlichen Schulen geworfen und mussten unter den skandierenden Jugendlichen die Röhmschule verlassen. So riefen sie etwa: „Raus mit dem Judenpack, wir wollen keine Juden mehr in unserem Schulhaus“ und noch viele andere unschöne Dinge. (s. unser Buch S. 29). Beschämt und tief traurig zogen wir mit unserem Lehrer aus dem Schulhaus. – Unsere Eltern, die uns eigentlich von den Verfolgungen der Nazis so gut wie möglich abschirmen wollten, hatten Mühe, uns zu erklären, dass wir eben jüdisch seien und die Nationalsozialisten die Juden nicht mögen. Das war sehr schwer zu verstehen für uns Kinder. Wir haben doch niemand etwas zuleide getan. Warum mag man uns nicht…? Eigentlich gab es da keine vernünftige Antwort.  Uns Kindern wurde schwer ums Herz.

Gab es Menschen, die Sie dennoch unterstützt haben?

Nicht eigentlich. Die Menschen hatten Angst, sich mit Juden abzugeben. Da war nur die Familie unserer Tante, die Schwester unseres Vaters. Sie war ja auch Jüdin, hatte aber einen evangelischen Mann geheiratet und wurde dann auch nicht belästigt oder deportiert. Zu ihr konnten wir abends rasch in der Steinstraße „hineinschleichen“, wenn der Hauseigentümer nicht mehr da war (es war ein Geschäft). Die Tante und der Onkel bekamen 1939 einen kleinen Buben, den wir natürlich so gerne besuchen wollten.- Außerdem gab es noch eine Frau, die sich vor unser Namensschild an der Haustür stellte, damit man den Namen „Schwarzschild“ nicht lesen konnte, als die wilden Horden in der sogenannten „Kristallnacht“ die Wohnung der jüdischen Hausbesitzer Becker alles kurz und klein schlugen. Diese Frau hatte – unaufgefordert – Zivilcourage gezeigt und uns somit geschützt vor dem Überfall des Pöbels, der auch unsere Wohnung  verwüstet hätte. Wir sind heute dieser unbekannten Frau noch sehr dankbar für Ihren Mut.

Als Sie und ihre Familie abgeholt wurden, um nach Gurs transportiert zu werden, wussten Sie, was dies bedeutete?

Die Stimmung bei den jüdischen Familien war natürlich inzwischen schon sehr getrübt. Man wusste nichts Genaues, ahnte, dass man etwas mit uns vorhatte, aber dass man uns plötzlich deportieren würde, dass wir alles liegen und stehen lassen müssten, daran haben wir nicht gedacht. Vielleicht haben unsere Eltern mehr geahnt, aber uns Kinder damit verschont. Sie wollten uns ja nicht noch unsicherer und trauriger machen. – Was es bedeutete: dass man uns nicht in Kaiserslautern wollte, das haben wir als Kinder schon begriffen. Und die Fahrt nach Gurs – drei Tage und drei Nächte – war für alle purer Horror. Die Menschen waren alle verzweifelt, weinten und klagten, den alten Menschen ging es natürlich besonders schlecht – auch unsere Mutter, zwar erst 31 Jahre, war sehr deprimiert und das war schlimm für uns. Sie wusste nicht, wie sie uns trösten sollte. Unser Vater versuchte uns eher aufmuntern. 

Welche Erinnerung an das Lager Gurs oder an das Kinderheim blieb Ihnen besonders in Erinnerung?

Als wir im Lager ankamen, konnten wir es kaum fassen, dass wir hier leben sollten. Es waren unendlich viele Baracken aus Holz, der Boden war nur Schlamm, es gab weder Betten, noch Tisch, noch Stühle, kein Geschirr und fast nichts zu essen, meist nur Suppe mit ein paar Erbsen, die darin schwammen und eine Mini-Ration graues Brot. Wir mussten meist hungern und es war besonders schlimm für die Eltern – Männer und Frauen wurden in getrennten Ilôts (Bereiche) untergebraucht – dass sie uns nichts geben konnten, um unseren Hunger zu stillen. Wir Kinder hatten auch keine Beschäftigung, so waren die Tage lang und langweilig. Dazu gab es Ratten und sonstiges Ungeziefer, die uns plagten. Erst als die Hilfsorganisationen ins Lager durften (Schweizer Rotes Kreuz, OSE, Quäker u.a.) wurde es für uns Kinder und für die Kranken ein wenig besser.

Als wir später ins Kinderheim Pringy (Haute-Savoie) kamen, vom Schweizer Roten Kreuz geführt, ging es uns wesentlich besser. Wir wurden sehr gut und liebevoll betreut, hatten einfaches aber gutes Essen, wir konnten zur Schule gehen und in Frankreich unseren Schulabschluss machen das „Certificat d’Etudes Primaires“, ein Diplom, das wir glücklich und stolz entgegen nehmen durften. Das Kinderheim war unser erster Kontakt zur Schweiz und zu Menschen aus der Schweiz.

Wussten Sie bei der letzten Begegnung mit Ihrer Familie in Rivesaltes bereits, dass ihr Vater nach Auschwitz deportiert werden sollte? 

Wir ahnten, dass es ein wirklicher Abschied war, denn die Menschen wurden alle von einer Liste abgelesen und mussten auf die andere Seite des großen Lagerplatzes gehen. Wir standen ursprünglich auch auf dieser Liste, wurde dann aber durch den Einsatz einer Schweizer Rotkreuz-Schwester gestrichen, was uns das Leben rettete.  – Dass unser Vater nach Auschwitz kommen würde, davon hatten wir keine Ahnung, weil Auschwitz damals noch nicht im Bewusstsein der meisten Menschen war. Wir winkten uns noch zum Abschied – dieses Bild ist heute noch so klar in meiner Erinnerung. Wir waren zutiefst traurig, ohne zu wissen, was mit ihm geschieht. Über die Menschen wurde verfügt, keiner konnte sich wehren. Juden waren unerwünschte Außenseiter.

Haben Sie vor dem Brief mit der Nachricht seines Todes noch einmal etwas von ihm gehört?

Ein einziges Mal kam eine mit Bleistift geschriebene Karte von unterwegs – von irgendwoher – wo er uns schrieb, es gehe ihm gut und wir sollten uns keine Sorgen machen, sie hätten genug zu essen und wir würden uns einmal wieder treffen. –  Es ging ihm sicher nicht gut, aber er war immer derjenige, der uns Mut machte, ein verantwortungsvoller Vater. Er wollte uns nicht beunruhigen.

Was ist ein „Todesmarsch“?

Wir haben nie einen Todesmarsch erleben müssen und wissen auch nur aus Berichten, was ein Todesmarsch ist. Es ist eine „langsame Form kollektiver Vernichtung“. Bei den Marschierenden wurde der Tod in Kauf genommen,  ja er war das eigentliche Ziel, die Menschen bis zum Umfallen zu quälen. 

Als Sie nach Kaiserslautern zurückkamen, was gab Ihnen Halt, dort noch einmal anzufangen?

Meine Mutter wollte vor allem nach Deutschland zurück, weil sie hier eine (sehr kleine) „Wiedergutmachung“ bekam, d.h. eine Rente für sich und uns Kinder, damit wir eine Berufsausbildung machen konnten. Zuerst wurden wir von unseren Verwandten, die selbst nur wenig Platz hatten, liebevoll aufgenommen. Wir trafen übrigens keinen einzigen Nazi mehr… sie waren alle verschwunden oder „entnazifiziert“. .. Hingegen fanden wir Menschen, die Verständnis für uns hatten z. B. anlässlich unserer Wohnsituation. Ich selbst traf auf Jugendliche, ideal denkende junge Leute, welche in Kaiserslautern die Pfadfinderschaft St. Georg gründeten und mich in ihr Projekt aufnahmen, um mitzuhelfen. Ich habe mit zwei anderen jungen Frauen die Wölflingschaft aufgebaut. Das gab mir viel Halt und es entstanden tiefe Freundschaften, die auch heute noch bestehen. Langsam kam ich, kamen wir aus der Außenseiterrolle heraus und fühlten, dass wir mithelfen konnten, etwas Konkretes, Positives aufzubauen. Kaiserslautern lag  1946 in Trümmern in jeder Hinsicht.

Wie begegnete man Ihnen nach Ihrer Rückkehr?

Die Antwort ist eigentlich bereits in der Frage 9 enthalten. Zu sagen wäre noch, dass wir nach einiger Zeit nach Bayern zogen, wo die Familie unserer Mutter lebte, die uns dringend riet, zu ihnen zu kommen, da die wirtschaftliche Lage in Bayern viel besser war als in der Pfalz. Ich konnte dort die Mittelschule besuchen und später (wieder in der Pfalz) die Dolmetscherschule, während meine Schwester Hannelore in München das Kindergarten-Seminar besuchte und dort ihre Ausbildung abschloss. In Bayern fanden wir auch rasch Anschluss an liebe, verständnisvolle Menschen, die uns halfen, eine kleine Wohnung einzurichten und uns auch sonst wieder heimisch zu fühlen. Dabei halfen uns auch Begegnungen mit den Patres eines Benediktiner-Klosters, die versuchten, das Leid, das wir Kinder und Jugendliche erleiden mussten, zu mildern und uns halfen, es in unserer Biografie einzuordnen.

Hier gehört auch noch unsere Erfahrung hin, dass wir in unserem ganzen Leben immer Menschen trafen, die uns halfen, wieder im Leben Fuß zu fassen, unser uns aufgezwungenes Außenseitertum zu überwinden und unser Leben mutig in die Hand zu nehmen (im Buch unter „Lichtblicke“ S. 128).

Wann haben Sie sich dazu entschlossen, von Ihren Erinnerungen zu berichten?

Eigentlich nicht aus eigenem Antrieb. Erhard Roy Wiehn, damals ein junger Pfadfinder und inzwischen zum Professor der Soziologie und Geschichte in Konstanz geworden, trat an uns  Ende 1989 heran, als er seinen ersten Band der Judaica „Oktoberdeportation 1940“ herausgab, ein erstes Buch über Gurs. Durch seine Anfrage haben wir uns entschlossen, uns an dem Sammelband zu beteiligen und so kam es zur ersten Veröffentlichung unserer Geschichte. Das Buch „Als Kinder Auschwitz entkommen“ entstand ebenfalls auf sein Drängen hin. Ich bin heute froh, dass wir uns dazu entschlossen haben, das Buch zu veröffentlichen, so haben unsere Kinder, Enkel und Urenkel später ein wichtiges Dokument über die schlimmen Ereignisse im Nationalsozialismus. Und durch meine Tätigkeit in Schulen, haben junge Menschen die Gelegenheit, dies von Zeitzeugen selbst zu hören.

Was würden Sie Jugendlichen wie mir gerne mit auf den Weg geben, dass so etwas nicht mehr passiert?

Zuerst einmal finde ich es gut, dass Jugendliche wie DU, sich für ein solches nicht gerade leichtes Thema interessieren. Es freut mich immer, wenn junge Menschen WISSEN WOLLEN, was damals geschah. Meine Zeitzeugengespräche in den Schulen stehen meist unter dem Leitspruch HINSCHAUEN, statt WEGSCHAUEN – HANDELN statt SCHWEIGEN. Das heisst: Schaut Euch um:  HEUTE, HIER und JETZT in Eurem nächsten Kreis, was da geschieht. Macht die Ohren, die Augen und die Herzen auf, was in der Welt geschieht. Jeder Einzelne kann die Welt nicht ändern. Aber wenn Ihr in Eurem Alltag Mobbing verhindert, Euch einsetzt für Schwächere, für Ausgestoßene, für Außenseiter, dann setzt Ihr Euch ein für mehr Menschlichkeit, gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und FÜR die Würde des Menschen. Engagiert Euch ganz privat, wo immer Ihr könnt. Zivilcourage ist gefragt. – Mehr können wir alle nicht tun. Aber das ist schon viel.

Ich danke Dir, liebe Christina, für Dein Interesse und wünsche Dir viel Erfolg bei diesem Wettbewerb.

Gerne höre ich  gelegentlich von Dir, wie es mit Deiner Arbeit weiter gegangen ist.

Herzlich

Margot Wicki-Schwarzschild

Ich danke Ihnen, Frau Wicki-Schwarzschild, sehr herzlich für das Interview!

Christina Ramazanov, MSS 12